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Frauen Wissen Vermitteln – Monika Gumpelmair Und Barbara Salzmann 2010

Frauen Wissen vermitteln – Monika Gumpelmair und Barbara Salzmann 2010

Frauengruppen stärken Identität und vermitteln Wissen. Wie zwei Salzburgerinnen für COPE indischen Frauen halfen Tabus aufzubrechen

Zwei junge Ergotherapeutinnen aus Salzburg haben auf Einladung von Cope in Workshops Inderinnen ermutigt, Tabus aufzubrechen und Veränderungen anzugehen. Sie haben Workshops für Frauengesundheit durchgeführt und einen Raum für die Frauen geschaffen, sich über ihre Nöte und Schwierigkeiten auszutauschen. Wie über einen Zeitraum von zwei Monaten neue Solidarität unter den Frauen entstand, erzählt Monika Gumpelmair, eine der beiden Salzburgerinnen.

Frau sein heißt in Indien Last sein

Frauen in den südindischen Dörfern haben gesellschaftlich wenig Wert. Die Geburt eines Mädchens bedeutet für die Familie eine große finanzielle Belastung. Die Mädchen werden in jungen Jahren verheiratet. Sie haben kaum Wissen über die Vorgänge des weiblichen Körpers und keine Möglichkeit eine Schwangerschaft zu verhüten. So gebären sie, ohne eine Wahl zu haben, meist mehr Kinder als sie ernähren und versorgen können. Irgendwann werden sie – oftmals im Rahmen eines öffentlichen Programmes – sterilisiert.

Was ist meine Rolle als Frau / als Mann die der Gesellschaft? Was wird von mir erwartet und welche Möglichkeiten habe ich? Wie gestalten wir unsere Beziehungen? Vor solchen Fragen stehen wir alle – egal wo auf der Welt – immer wieder.
Für ein indisches Mädchen stellt sich jedoch eine weitere Frage: „Bin ich meiner Familie überhaupt willkommen als Mädchen?“ Denn finanziell ist die Geburt eines Mädchens für jede indische Familie ein Last. Grund ist die Praxis der Mitgift, die vorschreibt, dass bei einer Heirat die Familie der Braut umfangreiche Geschenke an den Bräutigam, dessen Eltern und manchmal weitere Familienmitglieder leisten muss. Und obwohl die Mitgift seit 50 Jahren gesetzlich verboten ist, treibt diese Praxis viele Familien in den Ruin. Eine Statistik des indischen „National Crime Records Bureau“ (NCRB) für 2007 sagt aus, dass alle vier Stunden ein Mensch weiblichen Geschlechts stirbt, weil Familien fürchten, durch die Töchter zu verarmen.

Mit dem Wissen um die schlechte Stellung der Frauen in der indischen Gesellschaft und dem starken Wunsch ein Projekt für diese zu versuchen, reisten Barbara Wolfgruber und ich 2010 nach Tamil Nadu. In den folgenden acht Wochen durften wir nicht nur COPE, sondern vor allem viele herzliche, starke und faszinierende indische Frauen kennenlernen, deren Lebenswelt als Frau so ganz anders ist.

Klare Regeln und viele Tabus

Schon im Reiseführer bekomme ich einen ersten Eindruck, wie ich mich zu verhalten habe: Beispielsweise Männern nicht in die Augen sehen, kein Händchen Halten, schon gar kein Küssen in der Öffentlichkeit. Vor Ort erlebe ich schließlich einen strengen Verhaltenskodex für Frauen, ebenso wie für Männer. Es sind klare Regeln, die Schutz und Orientierung in der indischen Gesellschaft bieten, vermute ich.

Als Barbara und ich den Cope-Projektleitern Jesu und Rani unserer geplantes Projekt zu Frauengesundheit und Verhütung vorstellen, merken wir, wie heikel unser Thema ist. Wir erfahren, wie tabuisiert der Umgang mit dem weiblichen Körper ist, wie wenig die Frauen über die Vorgänge in ihrem eigenen Körper wissen und wie selten sie darüber sprechen.
Viele Familien sehen Frauen während ihrer Menstruation immer noch als unrein an. Sie müssen in diesen Tagen getrennt essen und vor der Hütte schlafen und sind so der großen Gefahr von Schlangenbissen ausgesetzt. Die gängigste Methode der Empfängnisverhütung ist die Sterilisation, die vielerorts heimlich passiert. Wissen über Sexualität wird von den Müttern an die Töchter oft nicht weitergegeben und was in der Hochzeitsnacht geschieht, bleibt tabu.
Dass Frauen in der Gesellschaft weniger wert sind, erfuhren wir auch bei unseren Workshops sofort. So war eine der ersten Fragen der Frauen: „Wie kann ich denn beeinflussen, einen Jungen statt einem Mädchen zu gebären?“

Unsere Frauengruppen

Eine Wiener Frauenärztin engagiert sich schon viele Jahre für die Frauengesundheit in Nordindien (Aktion Regen: www.aktionregen.at). Anhand einer Perlenkette, die mit verschiedenen Farben den weiblichen Zyklus nachbildet, vermittelt sie den Frauen Wissen über die Vorgänge in ihrem Körper und lehrt einfache Möglichkeiten der Empfängnisverhütung.
Auf Basis der Unterrichtsmaterialien von Aktion Regen führten wir mehrere Workshop-Nachmittage mit den Frauengruppen in den Dörfern durch. Wir bastelten Zyklus-Perlenketten und erklärten verschiedene Aspekte rund um Frauengesundheit, zum Beispiel, was bei einer Schwangerschaft passiert. Es war uns auch sehr wichtig die Frauen zum Gespräch untereinander über ihre Erfahrungen anzuregen.

Kleine große Schritte

Was wir mit unserem Projekt auf lange Sicht bewirken können, wissen wir nicht. Die Frauen, zwischen 17 und 75 Jahren, nahmen alle mit großem Interesse teil. Die 75-jährige Teilnehmerin meinte, sie habe sogleich alles, was sie erfahren hatte, an ihre Enkelin weitergegeben. Was für uns kleine Schritte sein mögen, sind für diese Frauen oft sehr große. So erzählte z.B. eine andere Teilnehmerin, sie habe bei ihrer Menstruation nun nicht mehr vor der Hütte geschlafen, weil sie jetzt weiß, dass sie gar nicht schmutzig ist. in neues Gefühl der Zusammengehörigkeit entstanden ist, zeigte das solidarische Schmunzeln, als eine Frau erzählte, dass ihr Mann sie gefragt hatte, warum sie die schöne neue Perlenkette denn nicht umhängen würde.

Die Kraft der Solidarität

Trotz der tristen Lebensbedingungen für die Frauen in Südindien fuhren wir nach intensiven Wochen voller Optimismus nach Hause. Wir erlebten, was Solidarität unter Frauen bewirken kann. Wir erlebten Frauen, die in einem geschützten Rahmen beginnen, über ihre Erfahrungen zu sprechen und öffentliche Meinungen hinterfragen. Wir haben Inderinnen kennen gelernt, die im Kleinen beginnen etwas zu ändern. Wir haben Mütter getroffen, die ihre Töchter bewusst wertschätzen und ihr Wissen weitergeben.

In diesem Sinne möchte ich mich bei Jesu und vor allem bei Rani bedanken. Sie haben trotz der Angst vor dem Unmut der Dorfgemeinschaft über gebrochene Tabus unser Projekt unterstützt. Und weit mehr als das. Rani, als indische Frau, hat selbst über ihre Erfahrungen gesprochen und beeindruckende Überzeugungsarbeit geleistet! Danke für euren Mut!

Monika Gumpelmair

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